Nordenskiöldsloppet 2026 - Palmsonntag in Jokkmokk

Es geht schon wieder bergauf. Wieder gerade zu steil, um mit der verbleibenden Kraft noch zu stoßen und eigentlich zu flach, um diagonal zu laufen. Außerdem liegt der letzte Diagonalschritt schon wieder 10 min zurück. Damit kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob der Steigwachs noch funktioniert oder überhaupt noch da ist. Wenn ich mich auf die Geräusche hinter mir konzentriere, kann ich hören, wie ein weiteres Paar Stöcke fast zum gleichen Zeitpunkt wie meine auf die Schneeoberfläche treffen. Sobald ich in den Diagonalschritt wechseln werde, wird Sven hinter mir auf meine Skienden auffahren und ein dumpfes Grunzen von sich geben, um die Körperposition schnell zu ändern und meinem Schritt zu folgen. Der Steigwachs hält gerade noch und irgendwann sind wir auf der Kuppe des Hügels angekommen. Ein paar Doppelstockschübe und der mittlerweile kalte Wind lässt mich kurz frösteln. Trotzdem gehe ich in die Abfahrtshocke, um Kraft zu sparen. Die Hocke kann ich aktuell nur noch halbhoch machen und für maximal 20 Sekunden, bevor mir das Laktat in die Oberschenkel schießt und ich mit einem Stöhnen wieder eine aufrechte Position einnehmen muss. Meist ist das auch der Moment, wo das “Kratzen” wieder zu hören ist. Das Kratzen sind Svens Stockspitzen, die er zum Bremsen auf dem gefrorenen Schnee schleifen lässt. Durch den Windschatten, den ich erzeuge, ist er immer schneller auf den Abfahrten und muss immer bremsen. Ich denke die nächsten 15 Doppelstockschübe nochmal drüber nach wie mental zerstörend es für ihn sein muss alle gewonnen Geschwindigkeit wieder aktiv abbremsen zu müssen. Meine Gedanken verlieren sich aber, denn ich kann mich wegen der Müdigkeit nicht mehr lange auf ein Thema konzentrieren, und:

Es geht schon wieder bergauf……

Aber fangen wir von vorn an. Vor 2 Jahren hatte ich den Plan, wieder auf die Langlaufski zu steigen. Nach über 10 Jahren in Mitteldeutschland hatte ich mich, bedingt durch den Klimawandel, nicht mehr sehr intensiv dem Sport gewidmet, aber das sollte jetzt in der Schweiz anders werden. Das Ziel zur Motivation war schnell gefunden. Der Nordenskiöldsloppet. 220km am Stück mit einer maximalen Zeit von 30h. Der Wettkampf, wo du vorrangig im Wettkampf mit dir selbst und der Distanz stehst, als mit anderen Teilnehmern. Glücklicherweise gibt es im Club schon einige Bezwinger der “Königin des Nordens", die mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Noch besser war, dass Sven, der Nordenskioldsloppet-Veteran auch den Entschluss gefasst hatte, seine 3. Bezwingung in Angriff zu nehmen. Damit war schon mal eine kleine, aber feine Reisegruppe organisiert.

Am 28.3.2026 um 5:00 Uhr ist der Start. Wir sind schon am Montag in Lulea gelandet, um uns zu akklimatisieren. Vor allem wenn man in Zürich schon unter den Baumpollen leidet, hilft eine kurze Pause in Nordschweden, um die Schleimhäute zu beruhigen. Nach dem Neuschnee-Desaster vom Vasalauf vor 3 Wochen, war ich mit 2 Paar Universal-Ski angereist, schon fertig präpariert mit Graphit und extra hartem Wachs, um die Distanz zu überstehen. Zusätzlich war auch noch ein Ski für eine kleine Trainingsrunde am Mittwochabend dabei, die wir im lokalen Skigebiet Ormberget laufen wollten. Dort konnten wir auch noch bei ausgiebigen Nieselregen unsere Klisterauswahl für Samstag testen, weil nach aktuellem Wetterbericht sollte es ja die restliche Woche feucht und nur am Freitag Abend kalt werden.

Donnerstagabend sind wir dann in Jokkmokk angekommen. Die Startpakete sind schnell geholt und der fest installierte Zielbogen wurde auch noch besichtigt. Langsam wurde es ernst und die Gespräche drehten sich schon seit längerer Zeit um Verpflegungskonzepte und welche Rolle Proteine und Fette neben den Kohlenhydraten spielen. Außerdem wurden Pacing-Strategien evaluiert und natürlich durfte das traditionelle Wachs-Bingo nicht fehlen. Vor allem, dass sich seit Mittwoch der Wetterbericht gefühlt stündlich änderte und langsam aber stetig auf Neuschnee am Samstagmorgen hinausläuft. Neuschnee! Das bedeutete, es wird langsam und nicht wie erwartet eisig und schnell. Dunkle Erinnerungen an den diesjährigen Vasa kamen zurück, wo es vor dem Start 20cm Neuschnee gab und dem Lauf damit zu einer der höchsten DNF-Quotas seit langem verholfen hatte. Aber das Wetter muss man nehmen, wie es kommt, und zum Glück konnte man ja unterwegs den Wachs wechseln. Entweder weil es nicht funktioniert oder weil sich sowieso die Verhältnisse ändern. Am Ende hatten wir in unsere Hipbags das gesamte Spektrum von blauem Hartwachs bis Universal-Klister verladen, um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

2:30 Uhr  fiepten die Wecker in der Jugendherberge um die Wette. Alle legten die farbenfrohen Rennanzüge ihres Klubs an und machten sich nach einem relativ stillen Frühstück auf den Weg zum See. Mit etwa 500 Teilnehmern ist das Starterfeld sehr übersichtlich und es geht ruhig zu. Man muss auch nirgendwo anstehen, im Gegensatz zum Vasaloppet wo es wesentlich mehr Teilnehmer hat. Die Atmosphäre sollte sich auch tatsächlich nach dem Startschuss nicht ändern. Natürlich muss man schauen, dass man niemanden auf die Stocke fährt und am Anfang ist die Spur relativ klein, aber alle nehmen Rücksicht aufeinander und es wird viel geredet und Spaß gemacht. Wir hatten noch vor dem Start unseren warmen Hartwachs mit kaltem abgedeckt, da es natürlich seit 2 Uhr morgens schneite.  Die Ski liefen aber nun hervorragend und es war einfach super Ski zu laufen.

59 km

…waren es, bis wir den ersten Materialsack erreichen sollten. Darin gab es nicht nur, wenn nötig, frische Socken, sondern auch Schokolade und mehr Wachs, um sich den veränderten Bedingungen anpassen zu können. Für den ersten Stopp waren keine großen Anpassungen geplant, aber für den Notfall hatten wir dort Wechselschuh platziert, sollten die ersten Seen schon Oberflächenwasser haben und unsere Schuhe durchweichen. Die ersten km waren wunderschön. Das beste Gefühl, das ich jemals bei einem Wettkampf hatte. Es hätte einfach so weitergehen können. Wir waren schnell unterwegs, haben uns in Führung abgewechselt und waren lange Zeit in schnelle Gruppen inkludiert. Es gab aber auch dort eigentlich nur eine Spur. Die war entweder in der Mitte zwischen den gepressten Loipen oder einer der Eisspuren, als sie direkt auf der Oberfläche eines Sees verlief. Zum Überholen musste man in unbekanntes Territorium wechseln und ordentlich anschieben, weil der Schnee dort langsam war. Wie sich herausstellte, war der Schnee nicht nur langsam, sondern auch nicht sehr fest. Bei km 25 rutschte mir beim Einleiten des Wechsels nach Rechts zurück in die Spur der linke Ski weg und war damit exakt in Linie mit meinem fest platzierten Carbonstock (Ein für Swix preislich sehr attraktives Produkt auf Weltcupniveau, mit handgefertigten Rohren mit Spezialquerschnitt), welcher bei der unausweichlichen Kollision klar den kürzeren zog. Die darauffolgende Bauchlandung hätte jedem Pinguin zum Applaudieren verleitet, war aber im Moment vorerst das abrupte Ende der lappländischen Langlaufromantik. Nach kurzem Sammeln (mental und Stockteile) ging es weiter. Solange man auf dem See war, konnte man sich gut mit dem Rest des Stockes abstoßen. Der war zum Glück nur ca 15 cm über dem Boden gekappt worden. Sobald es in die Anstiege ging, wurde dann auf lange Diagonalschritte gewechselt und dadurch tatsächlich viele Teilnehmer überholt, die nur Doppelstock als Technik nutzen wollten und am Berg deutlich langsamer waren. Wir sollten aber alle wiedersehen, ohne der Geschichte die Spannung nehmen zu wollen. 

So einer Klæbo-istischen Herangehensweise am Berg muss man natürlich irgendwann Tribut zollen. Nach einiger Zeit kam die Verpflegungsstation und ein Ersatzstock wurde übernommen. Meine Idee war es, nach der Station etwas langsamer zu laufen, aber wie abgemacht, hat Sven an der Station die Führung übernommen. Und es wurde nicht langsamer. Eher das Gegenteil! Wir sprinteten weiterhin die Anstiege nach oben und Sven entwickelte einen kontinuierlichen Abstand von 2-3 m Vorsprung zu mir. Auch wenn ich mich wieder ran kämpfte, wurde direkt wieder der Abstand erhöht oder ein anderer Läufer überholt. Der Grund für diese schlagartige Motivation sollte die nächsten 15 km ein Geheimnis bleiben. Es wurde erst klar, als wir bei der Station ankamen und Sven in anhaltendem Rekordtempo die Ski abzog, Stöcke auf die Seite warf und in einem WC-Häuschen verschwand. Später berichtete er, dass ein Anhalten schlichtweg nicht mehr, ohne katastrophale Folgen, möglich gewesen wäre.

105/110/111 ? km

sind es bis zur Halbzeitpause. Schon an dem Punkt ist die Distanzmessung nicht mehr ganz akkurat und man spürt, dass alle Schilder von verschiedenen Personen, mit verschiedenen Messmethoden, platziert sind. Wir hatten in dem Abschnitt ein gutes und stabiles Tempo, auch wenn es einen der längeren Aufstiege zum höchsten Punkt des Rennens inkludierte, den man bei ca. 90 km erreicht. Interessant war, dass wir begannen, unsere schwankenden Energiereserven zu spüren. Manchmal konnte ich ein stabiles Tempo vorlegen und merken, wie Sven teilweise froh war, im Windschatten sein zu dürfen und teilweise hatte ich grosse Schwierigkeiten den Pace von Sven mitzugehen und musste oft wieder nach vorne rufen und um eine Entschleunigung bitten. Wir kamen trotzdem gut voran und waren positiv gestimmt, weil wir im Durchschnitt trotzdem noch sehr gut waren. Was ich da schon merkte, war dass nach den großen Verpflegungsstationen mit Nudeln & Co. ich Schwierigkeiten hatte, Leistung abzurufen. Vielleicht wollte mein Körper da schon eine konkrete Verdauungspause haben. Wie sehr er das wollte, sollte sich aber erst später zeigen. Noch waren wir der Meinung, dass eine solide herzhafte Suppe, neuer Steigwachs und frische Handschuhe uns perfekt für das kommende Viertel aufstellen sollten. Damit machen wir uns auf den Rückweg.

159 km

war das nächste große Ziel. Wieder der gleiche Punkt, an dem wir schon auf dem Hinweg bei 59 km die Toilettenpause gemacht hatten. Die ersten 15 km liefen noch sehr gut. Wir waren tatsächlich auf weiten Strecken komplett alleine, die Sonne schien mittlerweile und es waren einige fantastische Ausblicke auf die Berge zu erhaschen. Sven meldete aber auch schon wieder an, dass er die Pause mit der fettigen Suppe vorher vielleicht nicht so gut vertragen hatte und sobald wir in den Anstieg liefen, um wieder den höchsten Punkt zu erreichen, wurde es hart. Mein neuer Steigwachs funktionierte super und ich konnte halbwegs konstant auch die steilen Abschnitte hochlaufen. Trotzdem war es das erste Mal am Tag wirklich hart und ging an die Substanz. Auf dem Hochplateau hatten wir wieder die Pause an der Station, wo alle den gleichen Nachnamen wie Sven hatten und von dort konnten wir die Abfahrt zurück auf das Seeniveau in Anspruch nehmen. Auf dem Weg gab es viele Heja!, Heja! zu rufen. Wie wir auf dem Hinweg die Führungsgruppe getroffen hatten, so kamen wir jetzt den Teilnehmern entgegen, die später ums Zeitlimit kämpfen und noch einen deutlich längeren Weg vor sich haben als wir. Mein mentaler Zustand an dem Punkt war, dass es vielleicht noch gefühlt 20 km bis ins Ziel sind. Die Realität sah aber ganz anders aus. In Granudden nach 140km gab es wieder Nudeln. Ich war da schon sehr leer und hatte wenig Energie und dachte, ein großzügiger Teller Nudeln mit Schinken wäre genau das Richtige. Währenddessen war Sven wieder auf der Toilette. Auch da war es am Ende eine ganz knappe Sache bis zum blauen Häuschen.

Dass die Nudeln keine gute Idee waren, wurde nur wenige Kilometer später klar. Mein Magen hatte nach wenigen Minuten Bedenkzeit festgestellt, dass es nichts bringt, fettige Nudeln zu essen und danach weiter Sport zu treiben. Offensichtlich wurde mit dem Sport nicht aufgehört, deshalb war der Vorschlag meines Verdauungstraktes, die Nudeln wieder loszuwerden. Der Weg bis km 159 wurde damit lang und immer dunkler und war von Magenkrämpfen und Übelkeit begleitet. Mit dem letzten Tageslicht kamen wir letztendlich bei km 159 an. Hier war eine etwas längere Pause geplant. Wir mussten Kleider wechseln, da es mittlerweile wirklich kalt war und die Temperaturen auf -5 C fielen. Außerdem sollte es neue Socken und Handschuhe geben.

Es stellte sich heraus, dass es locker 10 Minuten dauert, mit eiskalten, müden Fingern Überschuhe, Schuhe, Socken abzulegen und dann wieder die Liste retour anzulegen. Meine Augen waren dabei fest auf den Stapel Schlafsäcke und Rentierfelle fokussiert. Wäre Sven nicht gewesen und hätte mich gedrängt weiterzulaufen, hätte ich vermutlich im Zelt 2h in einem der Schlafsäcke geschlafen. So stand ich nach 20 Minuten, zitternd, mit Stirnlampe auf den Ski, eher anwesend als bereit, bereit für die letzte Etappe.

220 km

In meinem Kopf ging es nur noch einmal abwärts auf den See und danach mehr oder weniger geradeaus bis man im Ziel ankam. Das ist falsch. Die Lektion dauerte von dort noch ca. 6 h und war nicht die einfachste. Am Anfang half die Bewegung den Schüttelfrost loszuwerden, aber bald wurde es still und wir haben uns einen unendlich langen Anstieg nach dem anderen hineingearbeitet. Steigwachs war schon seit einer Weile nicht mehr sehr gut, aber irgendwie wollte niemand von uns stoppen und nochmal nachwachsen. Zumal alles immer eisiger wurde, da die Nacht klar war und die Temperaturen die leicht feuchte Oberfläche vom Sonnenschein am Nachmittag zu einer festen Eiskruste gefrieren ließ. Irgendwann erreichten wir den See und folgten den blinkenden Lichtern, die zur Orientierung aufgestellt waren. Das war eine tolle Erfahrung in kompletter Dunkelheit über einen See zu laufen. Auch wenn wir schon da emotional abgeschaltet hatten und wie Doppelstockroboter immer nur die gleiche Bewegung, in vollkommener Stille, durchführten. Auf dem See haben uns auch einige Gruppen plötzlich mit deutlicher Geschwindigkeit überholt. Scheinbar hatten sich viele die Energie deutlich besser eingeteilt und konnten jetzt nochmal Gas geben. Ich war mehrheitlich froh, überhaupt noch aufrecht zu stehen .

Was die unangenehmste Erkenntnis werden sollte, war der Fakt, dass nach dem See die Strecke zum Ziel nicht wie erwartet flach war. Es ging einfach immer wieder bergauf und bergab in langgezogenen Wellen. Wie sich das anfühlte, habe ich am Anfang ja schonmal beschrieben. Die 50-fache Wiederholung des Ablaufs war aber tatsächlich nervenaufreibend und ich habe teilweise keinen positiven Aspekt mehr in der Aktivität Langlauf sehen können. Irgendwann schafft man es aber trotzdem ins Ziel, und damit man dort nicht allzu verschlafen und verträumt ankommt, haben sich die Streckendesigner noch etwas Feines einfallen lassen. Eine Abfahrt, vergleichbar mit der Stazerwald-Abfahrt, aber nur 1,5 Schneetöff breit, abfallend zu einer Seite und im Dunkeln, hat einem das Adrenalin wieder bis an die Nasenspitze schießen lassen. Bis jetzt ist mir unklar, wie wir das sturzfrei überstanden haben. 100 m vor dem Ziel gab es auch nochmal einen völlig unnötigen Anstieg im Stile der Brückenüberquerung beim Vasalauf, die entsprechende Klagen bei den Teilnehmern erzeugen konnte. Nur waren wir zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, mehr als ein resignierendes Stöhnen von uns zu geben und den Körper schwerfällig in die Fischgräten-Position zu bringen. Und dann war es auch “schon” vorbei. Als Doppelstock-Team sind wir ein bisschen mehr als 20h auf den Beinen gewesen . Das reicht für die begehrte Medaille, die vergeben wird, wenn man schneller als die 21 h 22 min des ersten Gewinners ist (ohne Loipe auf Holzski!!!). Leider waren die Medaillen zu dem Zeitpunkt schon alle und wir konnten unsere erst am nächsten Morgen abholen. 

Was bleibt, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Auch wenn es lang war und weh getan hat, kamen am Montagabend die ersten Gedanken in den Kopf, dass man es schon nochmal wiederholen sollte. Im Fachjargon sagt man dazu auch “Post race amnesia” oder “Finishline brain” dazu. Ich glaube es war nicht mein letzter Nordenskiöldsloppet aber im Gegensatz zu den kurzen Rennen wie Vasa & Co. lässt man glaube etwas mehr Abstand zwischen den Teilnahmen vergehen.

Vielen Dank an Sven. Im Team ist das Erlebnis nochmal viel besser als allein. Ich kann es nur jedem empfehlen.

Ludwig Ehlert2026